
Wissengubel und Bachtelspalt
Am Wissengubel kann man sich auch an heissen Tagen erfrischen – und sich danach durch den Bachtelspalt quetschen: An der engsten Stelle ist die Felskluft nur 25 Zentimeter breit. Wer diese und weitere Naturwunder im Zürcher Oberland erwandern will, sollte nicht allzu lange warten. Denn Wasser ist die Kraft, die hier alles formt – und irgendwann auch wieder verändert.
Text und Bilder: Michel Brunner

Der Wissengubel: Im Sommer findet man hier selbst bei grösster Hitze erfrischende Kühle.
In Gibswil – das zur Gemeinde Fischenthal gehört – befindet man sich auf der Wasserscheide, die das Töss- und das Jonatal trennt. Diese Endmoräne des ehemaligen Linthgletschers hat im Verlauf der Geschichte einen eindrücklichen Wandel miterlebt.
Grund dafür ist die Jona, die heute in Gibswil südlich abbiegt, um schliesslich durchs Jonatal in den Obersee zu fliessen. Das war nicht immer so! Durch stetige Erosion gruben sich die Oberlaufadern der Jona so tief in die Wasserscheide, dass der Bach irgendwann die Richtung wechselte und sich seinen heutigen Weg nach Süden bahnte.
Natur als Architekt
Dass die Natur für die starke Veränderung verantwortlich ist, konnten sich die Bewohner bei Gibswil nur schwer vorstellen. Sie verdächtigten deshalb die Fabrikanten aus Wald, ihren Bach angebaggert zu haben, um ihre durch Wasser betriebenen Fabrikmaschinen besser anzutreiben. In Wirklichkeit entstand die Veränderung aber lange bevor die Menschen fähig waren, irgendwelche Fabriken zu bauen. In einem Tobel findet ein fortwährender Wandel statt. Starke Niederschläge, Murgänge, Verklausungen und Erosionen sorgen dafür, dass sich das Gesicht wandeln kann.
Selbst im Einzugsgebiet der noch sehr jungen Jona, dass sich zwischen dem Bachtel und dem Allmen, einem über 1000 Meter hohen Hügelzug im Zürcher Oberland befindet, kann man das gut beobachten. Die Jona (früher hier noch Kollerbach genannt) stürzt im Chollertobel bereits über zwei hohe Nagelfluhwände und formte so zwei eindrückliche Felskulissen.
Frische Kühle im Sommer
Noch eindrücklicher ist der direkt im Süden anschliessende Giessen am Wissengubel, dessen Wissenbach (vor Ort auch Riedterbach genannt) kurz nach der Fallstufe in die Jona fliesst. Die Bezeichnung Gubel findet man im Zürcher Oberland sehr häufig. Sie beschreibt eine mehr oder weniger horizontal vertiefte Unterhöhlung im Nagelfluhfels. Diese entsteht, wenn die unterhalb einer härteren Gesteinsschicht weicheren Sedimente ausgewaschen werden. Meist sind es weichere Sandstein- oder Mergelschichten, die auskolken und darüber deckenartig nur der härtere Nagelfluhfels übrigbleibt.
Der Wissengubel – der sich bereits auf den Gemeindegrenzen von Hinwil und Wald befindet – ist heute so gross, dass er bei Unwetter unzähligen Menschen Schutz bieten kann. Pfadfinder nutzen ihn als Nachtlager. Und im Sommer findet man hier selbst bei grösster Hitze erfrischende Kühle. Eindrücklich ist die Szenerie aber auch in sehr kalten Wintern, wenn der Wasserfall zu gefrieren beginnt. Nach mehreren Tagen unter dem Gefrierpunkt bildet sich von oben ein Eisstalaktit und von unten ein Eisstalagmit, die irgendwann zusammenwachsen – womit eine Eissäule entsteht. Eine solche Formation wird im Fachjargon Stalagnat genannt.
Dieser kann, wie dies im Februar 2012 am Wissengubel der Fall war, einen Basisumfang von über 40 Metern erreichen. Mit 24,5 Meter Höhe, die der Autor – Michel Brunner – erstmals mit seinem Vater mit der Seiltechnik vermass, ist der Wissengubel einer der Wasserfälle, der sogar höher ist als der Rheinfall.
Ein Spalt in der Erde
Nebst den vielen Giessen und Höhlen im Tösstal ist ein weiteres Naturspektakel in der Nähe des Bachtels sehenswert: der Bachtelspalt in der Gemeinde Wald. Für jene, die den Bauch nicht einziehen und klaustrophobisch veranlagt sind, wird es im Bachtelspalt wortwörtlich eng. Denn es gilt, eine rund 55 Meter lange und teils bis zu 8 Meter hohe Felsspalte zu bezwingen. An der dünnsten Stelle stehen die beiden Wände aus Nagelfluh gerade noch 25 Zentimeter auseinander und es gibt Vermutungen, dass sie sich allmählich wieder schliessen könnten.

Der Bachtelspalt: An der dünnsten Stelle stehen die beiden Wände aus Nagelfluh gerade noch 25 Zentimeter auseinander und es gibt Vermutungen, dass sie sich allmählich wieder schliessen könnten.
Mahnmal an den Zweiten Weltkrieg?
Aber wie ist diese Kluft überhaupt erst aufgegangen? Ein teuflisches Werk, könnte man vermuten. Merkwürdigerweise existieren kaum Geschichten über die Felsformation, obwohl diese für Sagen prädestiniert wäre. Vielleicht hat es damit zu tun, dass der Erdspalt tatsächlich erst am 25.8.1939 bei einem verheerenden Unwetter entstand. Damals kam es zu einem extremen Hochwasser, das zwei Menschen in den Tod riss. Es gab an der Messtation Hinwil-Bachtel innerhalb von 24 Stunden Rekordniederschläge von 186 mm. Auch in der Gemeinde Wald entstand riesiger Sachschaden und dies wenige Tage vor der Mobilmachung des Zweiten Weltkrieges. Der Riss am Bachtelspalt erinnert deshalb wie ein Mahnmal an die vergangenen, schwierigen Zeiten.
Die wissenschaftliche Erklärung: Durch die Wucht von Schlamm und Wasser, soll sich der eine Felsteil am heutigen Bachtelspalt gegen Osten abgedrückt und so zu dieser Trennung der Nagelfluh geführt haben. Gesichert ist diese These aber nicht. Eine mystischere Theorie findet sich im Buch «Höhlen im Tösstal – Ein Beitrag zur Heimatkunde» aus 1967. Es erwähnt, dass der «Hagheerenweg», ein unterirdischer Gang, zusammengefallen sei. Geologisch scheint diese Vermutung wenig glaubwürdig.
Die Mär unterirdischer Tunnels
Vergleicht man die Geschichte mit anderen Höhlen in der Gegend, beispielsweise dem Hagheerenloch in Bauma oder der Täuferhöhle in Bäretswil, fällt auf, dass sich die Mär um geheime Tunnels in verschiedenen Variationen wiederholt. Vielfach werden alte Überlieferungen auf andere Standorte adaptiert und das Rätselhafte hält sich hartnäckig über viele Generationen.
Geologen gehen jedenfalls davon aus, dass sich der Spalt durch Abkippen im oberen Teil einmal wieder schliessen könnte. Auch ein gänzliches Abrutschen der getrennten Wand wäre in unbestimmter Zeit bei einem Wetterextrem theoretisch möglich. Der Spalt gilt im Kanton Zürich jedenfalls als einmalig. Tatsächlich gibt es aber zwei weitere Standorte, die kaum jemand kennt. Aber darüber berichten andere «Züriperlen». Es ist Zeit, diese geschichtsträchtigen Orte aufzusuchen, bevor sich das Landschaftsbild womöglich wieder abrupt ändert!

Im Gebiet rund um den Bachtel finden sich wunderschöne Wanderungen, die auch zum Wissengubel oder zum Bachtelspalt führen.
Schöne Wanderungen
Variante 1, Hauptstrecke Wissengubel und Bachtelspalt:
2 h 50 min / 9,2 km / Schwierigkeit T 2 / 396 m Auf- & 536 m Abstieg
Verpflegung Restaurant Bachtel Kulm: Fr. – Di. 9 – 23 Uhr, Ruhetage Mi.& Do.
Vom Bahnhof Gibswil in südliche Richtung zum Bachtel, gelangt man zum Wissengubel. Danach steigt der Weg immer steiler an und man kommt nach Hintersennenberg, vorbei am gestauten Bachtelweiher, bevor man durch das bewaldete Gelände zum 1115 m hohen Bachtel hochsteigt. Der Aussichtsturm ermöglicht bei gutem Wetter u.a. einen Blick zum Zürichsee, zum Obersee und die Bergsilhouette dahinter.
Das Restaurant Bachtel Kulm bietet eine Möglichkeit zur Rast, wie auch später Feuerstellen unterwegs zum Bachtelspalt in Richtung Wald. In den Bachtelspalt kommt man mithilfe eines angebrachten Seils. Nach dem Passieren der schmalen Felsschlucht führt ein kleiner Rund-Wanderweg wieder zum Eingang des Spalts, wo man via Wanderweg zum Bachtelhörnli und schliesslich zur Bushaltestelle «Tänler» oder noch weiter unten direkt zum Bahnhof Wald kommt.
Variante 2, Falätschentobel:
3 h / 10,1 km / Schwierigkeit T 2 / 349 m Auf- & 585 m Abstieg
Ausgangspunkt ist wiederum der Bahnhof Gibswil. In südliche Richtung zum Bachtel, gelangt man zum Wissengubel. Oben am Bachtel angelangt, wandert man aber nicht zum Bachtelspalt, sondern hinunter Richtung Girenbad, einem ehemaligen Kurort. Von dort geht es via Ruine Bernegg durch das wilde Falätschentobel, das weiter unten Wildbachtobel heisst. Unterwegs trifft man auf eindrückliche Wasserfälle, bevor man schliesslich am Ortsmuseum mit den farbigen Wappen zum Bahnhof Hinwil gelangt.
Variante 3, Täuferhöhle:
4 h 50 min / 16,9 km / Schwierigkeit T 2 / 542 m Auf- & 747 m Abstieg
Gleicher Ausgangpunkt in Gibswil. Diese Variante führt vom Bachtel dasselbe Wegstück zurück Richtung Gibswil bis Punkt 973 auf der Wanderkarte. Danach läuft man hoch bis zum 1079 m hohen Allmen. Vor dem höchsten Punkt führt ein Wanderweg hinunter Richtung Bäretswil. Dort trifft man unterwegs am bewaldeten Steilhang auf die sagenumwobene Täuferhöhle, wo ein Geheimgang zum ehemaligen Schloss Girenbad bestanden haben soll. Danach kommt man zu der mit Wasserkraft betriebenen «Sagi Stöckrüti» und dem gestauten Stöckweiher ins Stöcktobel. Wir folgen dem Bach bis ins Chämtnertobel, vorbei an eindrücklichen Giessen und der bekannten Nagelfabrik bis zum Bahnhof Kempten.
Anreise mit dem Auto
Parkplatz zum Wissengubel: Ecke Tösstalstrasse/Eggstrasse.
Parkplatz zum Bachtelspalt: Beim Restaurant Bachtel Kulm (Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen) oder in Orn an der Unterbachstrasse.
Quellen:
Brunner, Michel & Ueli (2016): Wasserwunder – 22 verwunschene Tobelwanderungen im Kanton Zürich. AS Verlag
Enzler, Karin (19.8.2009): Oberländer Gewitter-Katastrophe jährt sich zum 70. Mal. Tages-Anzeiger
Huber, Martin (18.12.2024): Das Rätsel um den Erdspalt im Zürcher Oberland. Tages-Anzeiger