
Galerie Weiertal
In einem verwunschenen Garten hängen Netze in Bäumen, leuchten Lichter, flüstern Figuren. Die Galerie Weiertal bei Winterthur zeigt diesen Sommer «Traumwelten». Eine Kunstausstellung, die sogar Rennfahrer in den Bann zieht, die sich gelegentlich hierher verirren.

Die Idee zur Ausstellung «Traumwelten» entsprang dem Wunsch, der Schwere der Welt zu entfliehen – einer Welt, die manchmal so bedrückend ist, dass man kaum noch die Nachrichten einschalten mag.
Eine verträumte Landschaft, Kunstwerke, ein einladendes Bistro und viele romantische Ecken: Mit dieser charmanten Mischung lädt die Galerie Weiertal seit 2001 jeden Sommer ein.
Aber die Geschichte des Kulturorts reicht noch viel länger zurück. Was heute Ausstellungsraum und Parkanlage ist, war einst ein Bauernhof, wurde dann zum Restaurant, bis Rick von Meiss das Anwesen kauften und ihm einige Jahre später eine neue, künstlerische Seele einhauchten. Auch Kunststars wie Pipilotti Rist, Thomas Hirschhorn, Roman Signer, HR Giger waren hier schon zu bewundern.
Der Park erstreckt sich über 6000 Quadratmeter und bietet Raum für Kunst in jeder Form. Ergänzt wird er durch zwei grosse Galerieräume. Einer erreicht mit 120 Quadratmetern Fläche und einer Deckenhöhe von sechs Metern beeindruckende Dimensionen.
Ein Ort, der verzaubert
Die Galerie Weiertal liegt ausserhalb von Winterthur Wülflingen, eingebettet in einen weitläufigen Garten, zwischen zwei verträumten Teichen. Und wer den Fleck entdeckt hat, kommt kaum mehr davon los. Die Kunstkuratorin Maja von Meiss führt den Ort gemeinsam mit ihrem Mann Rick – anfangs in alten Räumen, angereichert mit Jazz-Konzerten, nur am Wochenende geöffnet. Mit den Jahren kamen weitere Räume dazu, mit aufwändigeren Ausstellungen – und aus Leidenschaft wurde ein lebendiger Kulturort, der in den Sommermonaten über fünftausend Menschen anzieht.

Herz und Hirn der Galerie Weiertal: Maja von Meiss kuratiert die Kunst, während Ehemann Rick den Garten hegt.
Was die Galerie von einem Museum unterscheidet, ist nicht nur die Grösse, sondern die Atmosphäre. «Die Menschen haben manchmal zu Unrecht grosse Abwehr gegenüber Museen», sagt die Kuratorin. «Viele halten Museumsbesuche für schwierig.» Im Weiertal ist das anders. Hier darf man verweilen, staunen – und auch einfach nur im Park sitzen, ohne Erklärung.
Wo Tagträumen möglich ist
Die aktuelle Ausstellung heisst Traumwelten – und der Titel ist Programm. Wer den Rundgang beginnt, taucht ein: Netze liegen in Bäumen, Licht und Schatten spielen, schwarze Guck- Kästen in der Galerie, Figuren mit kleinen Gesichtern tanzen über die Leinwände. Die Galerie öffnet sich Raum für Raum, Wiese für Wiese, und alles birgt eine eigene Stimmung. Zarte Bildwelten hängen von den Wänden, während draussen im Park Kunstwerke zwischen Bäumen und Blumen weben.
Die Idee zu Traumwelten entsprang nicht einem einzigen Moment, sondern vielem auf einmal: «dem Wunsch, der Schwere der Welt zu entfliehen – einer Welt, die manchmal so bedrückend ist, dass man kaum noch die Nachrichten einschalten mag», sagt Maja von Meiss. Und einer lebenslangen Faszination für das, was in der Nacht passiert. Träume – jene tiefen und rätselhaften Bilder, aus denen das Unterbewusstsein spricht – faszinieren die Kuratorin seit Jahrzehnten. Traumwelten können in der Kunst auf eine lange, tiefe Geschichte zurückblicken.

Die hängenden Stoffe stellen den Übergang der Realität in die Welt der Träume dar - und den Zugang der Kunst im Park. Künstler: Tibor von Meiss.
Ein roter Faden
Jede Ausstellung in Weiertal beginnt mit einem Konzept, das Maja von Meiss meist im Sommer des Vorjahres entwirft. Dann lädt sie Künstlerinnen und Künstler ein. Sie übergibt das Konzept – und wartet, was kommt. Wer sich bewirbt, muss mehr tun als ein Portfolio einschicken: Er oder sie muss erklären, was ein Werk im Dialog mit dem Raum in diesem Kontext bedeutet. Ausgewählt wird nach thematischer Stimmigkeit, Qualität, Umsetzbarkeit und – entscheidend – beim Installieren. Die Werke müssen in einen Dialog miteinander kommen.
«Es braucht einen roten Faden», sagt Maja von Meiss. «Ich möchte nicht einfach hier und dort etwas hinstellen, das thematisch keine Verbindung hat.» Für die Traumwelten bedeutete das: einzelne Welten, in die man eintauchen kann – jede mit eigenem Charakter, alle verbunden durch das übergeordnete Thema des Unbewussten, des Schwebezustands, der anderen Wirklichkeit.
Rennfahrer, die sich verirrten – und blieben
An der Vernissage, die über zwei Tage stattfand, war die Freude spürbar – bei den Besucherinnen und Besuchern, aber auch bei den Künstlerinnen selbst. Viele von ihnen hatten die anderen Werke bis dahin nicht gesehen. «Plötzlich standen sie vor Arbeiten ihrer Kollegen und erlebten, wie sich zwischen den Werken Verbindungen spannten, Gespräche entstanden, Beziehungen begannen», erzählt die Kuratorin. Das sei jedes Mal aufs Neue schön.
Drei Rennfahrer, die eigentlich nur etwas trinken wollten, sind einmal zufällig durch die Ausstellung spaziert. Sie fanden sie zauberhaft. Das sagt vielleicht am meisten über das Besondere dieses Ortes: Man muss es nicht planen, um berührt zu werden.

Welt-Vogel-Nest: Das Iglu als perfekte organische Form, gleichzeitig Welt und kleines Haus. Eine Leiter führt ins Unbekannte, in einen Raum der Gedanken und Träume – Künstler: René Düsel.
Das nächste Kapitel: Wandeln
Schon während Traumwelten läuft, denkt die Kuratorin weiter. Das Thema für das nächste Jahr steht bereits fest: Wandeln. Das Wort trägt mehrere Schichten – Transformation, Metamorphose, aber auch das schlichte Gehen, Unterwegssein, den nächsten Schritt.
«Menschen müssen sich immer wieder wandeln, verändern, neue Bedingungen anpassen», sagt Maja von Meiss. Und gleichzeitig schwingt das Poetische mit: Wandeln als Bewegung, als Prozess, als Offenheit.
Service
Kunstsommer geniessen
Die Ausstellung Traumwelten kann man bis zum 6. September 2026 jeweils am Wochenende von 11 bis 17 Uhr bewundern und sich im Bistro verpflegen. Eintritt: 10 Franken (Führungen 15 Franken), Kinder gratis.
Darüber hinaus gibt es ein vielfältiges kulturelles Programm sowie einen Lichterzauber im Winter.